Um den vollen Funktionsumfang dieser Webseite zu erfahren, benötigen Sie JavaScript.
brandfilme blog
BlogArchivImpressum / Datenschutzerklärung
1-102-Immerath
Neuer Blog von brandfilme.org
seit 4.9.2018
Beiträge von Susanne Fasbender
Museum-Wiese2Wiese-nov-14-2



Der folgende Text bleibt unabhängig von den jeweils aktu-ellen Ereignissen um die Räumung der Hambacher Forst Waldbesetzung.


Von der angekündigten Räumung und der "Gewaltfrage" im Hambacher Forst

Ende August erlebten die AktivistInnen im Hambacher Forst die teilweise Zerstörung ihrer Bodenstrukturen auf der den Wald angrenzenden Wiese. Kameras, Laptops, Handys wurden beschlagnahmt, ebenso Wasserkanister zur Trinkwasserversorgung. Die Innenräume einzigartiger Lehmbauten wurden von der Polizei verwüstet, sowie des Umsonst-Ladens, der Küche, eben der gesamten Infra-struktur. Abriß dieser Hütten und kunstvollen Bauten, die das Grundstück, das rechtlich noch als räumungssicher gilt, weil Kurt Claßen, der Besitzer, einst die Versamm-lungsfreiheit dafür erstritt, überlappen, wurde für den 31.8. angekündigt. Hierfür bewirkte der Anwalt der Akti-vistInnen einen Aufschub, da sie zuvor noch ihr Ge-wächshaus retten möchten. Videoempfehlung dazu

Ob und wie eine mögliche Räumung weitergeht, werden wir in den nächsten Wochen erfahren, dann sicher be-gleitet von dem mehrstimmigen Kanon über die "Gewalt-täterInnen", vielleicht aber auch nach 6 Jahren Wald-besetzung vermehrt von reflektierten und zustimmenden Presseberichten. Es ist aber anzunehmen, dass auch dies bei einer Räumung im Rahmen einer möglichen Grenz-ziehung: Kohleausstieg ja, "Gewalt" nein, verstummen wird. Gewalt als Kampfbegriff, dessen genaue Befragung per se auszuschließen ist, da Gewalt, sofern sie von unten kommt, eben Gewalt ist. Schreckbegriffe wie "Schußwaffen", die nicht erklärt werden in Kombination mit "Hambacher Forst" skandalisieren und aktivieren zuverlässig das Tabu gegenüber "jeglicher Gewalt". Das Politische des Widerstandes soll hinter dem Skandal verschwinden. "Verletzte Polizisten " und "Fäkalien" sind die Aufreger der Tage, verletzte AktivistInnen sind der Rede nicht wert.

Es gibt einen Konsens über ein "Gewalttabu", das - ohne an dieser Stelle das eigene Thema Polizeigewalt zu be-ginnen - in dieser Totalität gegenüber der Gewaltbereit-schaft unserer globalen Aneignungsökonomie in keinster Weise existiert. Wenn schon Skandal, Schrecken und moralische Emotionen gerne das Mittel der Wahl sind, dann wäre es gerade das unermeßliche Ausmass der Gewalt und Zerstörung,  mit der wir in unserem Lebensstil und der tagaus, tagein genutzen rohstoffreichen Infra-struktur grundlegend verbunden sind, dessen plötzliches Erkanntwerden die Gesellschaft der Menschen in diesem Land wie eine Schockwelle der Betroffenheit erfassen müsste.

Doch da wird gerne "sorgenvoll" in Relation gesetzt: Kritik ja, doch Komplexität der Verhältnisse, Erforderlichkeiten des Wettbewerbs,  notwendiges Wirtschaftswachstum, Warten und weiter Warten auf die energieintensiven und rohstoffreichen geotechnologischen Lösungen und der angeblich von den Menschen total eingeforderte und zu beliefernde Konsum. Sorgsam wird die Anwendung von "schwierigen" Begriffen erwogen und die Frage nach Seehofers Abschiebezentren wird eingebettet in einen nachdenklichen Diskurs. Wenn es um Millionen Verstor-bene und Flüchtende durch den Klimawandel geht, und das ist Realität, oder wenn es um all die Opfer durch die Steinkohlentagebaue in Kolumbien geht, so gibt es am Ende doch immer ein grausames "Erwägen".

Mit anderen Worten: Die tägliche Grausamkeit ist nur die "Begleiterscheinung eines perfekten Systems" (Clive L. Spash).

Doch der geforderte Kohleausstieg, der durch die Aus-dauer der Waldbesetzung seit d. J. 2012 mit ihrer inzwi-schen weltweiten Bekanntheit und durch all ihre Unter-stützerInnen in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, durch die Kontinuität der Klimacamps in der BRD seit d. J. 2010 und durch den langen Atem von „Ende Gelände“ und weiterer Gruppen, die Einrichtung der Kohlekommission, haben wir bei genauer Betrachtung vor allem mutigen, meist jungen Menschen zu verdanken, die trotz ständig drohender strapaziöser und trauma-tisierender Gefängniseinsperrungen den Widerstand im Wald kontinuierlich am Leben erhalten. Die Waldbe-setzung ist das Herz des Widerstandes im Rheinischen Braunkohlenrevier und für alle Menschen, die sich einen Ausstieg aus der Kohle wünschen, ob sie es wollen oder nicht, von Relevanz.

Jede/r der AktivistInnen im Wald weiß, dass ihr Protest jederzeit eine Gefangennahme bedeuten kann, sogar bei einem harmlosen Spaziergang, wenn Polizei in der Ge-gend ist. Dass eine kommende Räumung Gewalterfah-rung am eigenen Leibe und Gefängnis bedeuten kann, ungewiß wie lange seit der Androhung verschärfter Polizeigesetze. Und ebenfalls sind sie sich bewußt, dass all das jahrelange darauf folgende Kontrollen ihres Lebens bedeuten kann.

Dies in Kauf zu nehmen zeugt von einer Ernsthaftigkeit in ihrem Einsatz für eine zukünftige Gesellschaft, die ohne Ressourcenverschwendung und die damit verbundene Naturzerstörung auskommen soll. Ein Protest für eine Zukunft, die ein nachhaltiges Wirtschaften erlaubt, in dem der Verbrauch von Rohstoffen und das Eigentum an ihnen als Grundlage unserer Ernährung auf eine Basis gestellt wird, die nicht dem Zweck dient, Kapital zu akkumulieren, wodurch die Wirtschaft dann ständig gezwungen ist,  das bestehende  Akkumulationslevel auszubauen, um den erreichten Status nicht zu verlieren. Für den Kapitalismus eine Existenzfrage. All dies bedeutet Zwang zu Res-sourcenabbau und -verbrauch. Meinem Verständnis nach liegt genau hier das Dilemma und der Grund, warum der Kapitalismus aus seiner Sicht nicht „aufhören kann", so weiter zu machen wie bisher. Und dies unter immer schwierigeren Bedingungen, denn es gibt Gegenwehr und knappere Ressourcen. Die Länder im globalen Süden sind dafür mit ihrem noch verbliebenen Rohstoffreichtum in jeder Hinsicht so "bedeutend". Klimagerechtigkeit, der Begriff, der der Klimabewegung voran steht, bezieht sich also nicht nur auf den Klima-wandel selbst, sondern auch auf Rohstoffabbau und Landnahme im globalen Süden.  

Zum Glück aber ist letztendlich ein vor allem durch Skan-dalisierung geprägtes Meinungsbild nicht das A und O für einen ernsthaft geführten Protest, der sich in seinem innersten Kern von jeglicher gesellschaftlicher Anerken-nungsstruktur befreien muss, um zu existieren.

Die Waldbesetzung ist eine dezentrale Struktur, zu der jede/r dazustoßen kann. Es geht nicht um Heroisierung, Romantisierung, und es sind nicht alle gleich. Doch in dem was sie - sicher auch nicht immer im Konsens - als Gesamtes dennoch erreicht haben, sind sie für mich in diesem Land die Helden der Zeit.

Die Gewalt des Widerstandes, deren Form völlig un-definiert bleibt: - Ist es Selbstverteidigung? Ist das zu verurteilen? Ja oder Nein? -  nicht in Bezug zu setzen zu den Fragen die entstehen, ist ein Versäumnis, eine aus-bleibende Analyse, an die wir uns als Gesellschaft heran-wagen können, wenn doch gleichzeitig inzwischen so viele Menschen die Waldbesetzung im Hambacher Forst unterstützen.

Wenn wir als Gesellschaft die industrielle Gewalt in unserer Ohnmacht oder vielleicht auch in unserem Bewusstsein der tiefen eigenen Verstrickung in diese Struktur in Kauf nehmen und in keinem öffentlichen Diskurs in der Lage sind, ihre grausame Kälte, der unsere Tiere und Menschen und die Natur zum Opfer fallen, fundamental von uns zu weisen, wünsche ich mir wenigstens einen differenzierteren gesellschaftlichen Diskurs über die Frage, was wir unter Gewalt eigentlich verstehen.



Hambacher Forst - Von der Frucht getrennter Kern


"... In sechs Jahren des Lebens am Rande der Zivilisation inmitten der hochorganisierten und durchstrukturierten BRD wurde ein Keim alternativer Lebensformen gesetzt,
 Rundbau auf der Wiese: Museum, Versammlungsort
4. September 2018
8. September 2018
Erdhütte mit Grasdach



der in den radikalökologischen Kämpfen Europas und darüber hinaus seinen festen Platz als einen der Orte hat, wo die postkapitalistische Zukunft bereits in Ansätzen verwirklicht wurde..."
14. September 2018

Was ist nur von einer "Spiegel Online Blockbuster Räu-mung" unter dem Titel "So läuft der Polizeieinsatz im Hambacher Forst" zu halten? Der radikal-ökologischen und politischen Bedeutung dieses Kampfes auf der Ebene des kollektiven Teilnehmens ganz scheinbar zu folgen, - und kommentiert werden darf auch - um gleichzeitig "objektiv" mit jedem Bild, jedem Zoom, guckt doch mal genauer hin, was ihr da seht, in der "Liveübertragung", die dem Ganzen die kollektive Relevanz auch offensiv zu-schreibt, die eigentliche Bedeutung zu nehmen. Es wird mit Hilfe dieser Kameraeinstellung (die ja außerdem sehr selektiv ist, auch hier gibt es eine Regie) genau diese Einstellung reproduziert, die von der Ernsthaftigkeit der Sache und der Grausamkeit des Klimawandels nichts weiß und wissen will. Egal was in diesem Rahmen auch
verbal an Kritischem erwähnt und "gepostet" wird, die Weichspülung des Eigentlichen ist hier garantiert. Die Inszenierung eines staatstragenden Mediums und vor allem die Tatsache, dass alle ihr folgen ist in meinen Augen eine effektive mediale Entpolitisierung des Widerstandes und das ist die eigentliche Aussage. Mit dem berühmtem Satz  "The Medium is the message" in seinem Werk "Understanding Media" wurde diese Funktion schon 1964 von Marshall Mc Luhan anaylysiert.
Für mich sind das alles stumpfe und  traurige Bilder  eines verarmten gesellschaftlichen Bewußtseins, die ich nicht teile.